Jeanette Niebelschütz



INTERVIEW MIT JEANETTE NIEBELSCHÜTZ UND EINEM UNVERZAGTEN FREUND.

Rundfunk: Jeanette, Sie haben gerade parol accessoires gegründet und eine erste Kollektion von 28 Schals entworfen. Auf den Schals sind Worte, kurze Sätze eingestrickt, z.B. „Sans, Souci.“, auf einem anderen „Go ahead – make my day“, auf einer Stola zwei Strophen eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke. Wie ist die Idee entstanden?

J.N.: Vor der Wende habe ich geschneidert und die Klamotten als „freie Unternehmerin“ in der DDR an den Mann gebracht. Das war Underground-Business. Nach der Wende habe ich hauptsächlich als Kulturfrau gearbeitet. Ich hatte schon lange daran gedacht, Kunstprojekte in der Schlösser- und Gartenlandschaft von Sanssouci zu verwirklichen. Nun, die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg ist eine fast ebenso altehrwürdige Institution wie der Vatikan, Projekte müssen gut und schön langsam durchdacht werden. Der gewitzte neue Generaldirektor, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, hat dann meinen Elan auf das Areal des Winzerbergs gelenkt. Eine Anlage, die sich Friedrich Wilhelm IV. verdankt und die heute in einem dringend sanierungsbedürftigen Zustand ist. Gleichzeitig eine ideale Arena für Kunstprojekte in und vor der historischer Kulisse. Inzwischen wurde ein Bauverein Winzerberg mit vielen engagierten Bürgern und ein Kunstverein gegründet. Ich hatte sofort den Einfall, das Projekt durch ein passendes Produkt zu vermarkten und zu unterstützen. Ich hatte auch gleich die Idee eines Schals mit Typographie, mein Freund sagte, daß „Sans, Souci“, die Inschrift auf dem Schloß, ein wunderbares Motiv wäre …“

Freund: Sanssouci ist das Projekt eines gewiß nicht sorglosen und sorgenfreien Königs. „Ohne Sorge“ ist die wörtliche Übersetzung, vielleicht eine kleine Provokation im heutigen Deutschland, das sich in jeder Hinsicht Sorgen macht. Die Definition Friedrichs „Krone: ein Hut, in den es hineinregnet“ zeigt den aufgeklärten, skeptischen Absolutismus des Monarchen.

J.N.: Damit hatte ich drei Motive, mit denen ich erste Versuche machte und Schals stricken ließ. Dann ist uns in weiteren Gesprächen klar geworden, daß dies eine vielversprechende Geschäftsidee sein könnte …

Rundfunk: …vom Kulturengagement zur Geschäftsgründung und zu Produktion und Handel …

J.N.: … gut gestaltete einprägsame Schals mit kurzen, unverbrauchten Sätzen. Wir dachten: Das funktioniert doch nicht nur in Potsdam …

Freund: Du hast immer gesagt: Mein Sitz ist in Potsdam, mein Feld ist die Welt.

Rundfunk: Wie haben Sie die Sätze für Ihre erste Kollektion ausgewählt?

J.N.: Willst Du etwas dazu sagen?

Freund: Nichts ist öder und langweiliger als Zitatensammlungen. Soviel geballte Geisteskraft. „Jeder Aphorismus ist das Amen einer Erfahrung“. Vieles lehrreich, vieles gelehrt und altklug, häufig mit Zeigefinger, sei´s moralisch oder aufgeklärt-skeptisch. Manch witziges ist Situationskomik, wirkt nicht außerhalb. Zudem: Bekenntnisse, Provokationen, Frechheiten, die Clichés einer vorwitzigen und normierten Autonomie und Individualität sieht man auf vielen T-Shirts. Was Jeanette wollte, waren Worte, Sätze, die gelassen, mit leichtem Sinn, augenzwinkernd daherkommen. Goethe: „Ein großes Wort sprichst Du gelassen aus“. Ich denke, wir sind bei Rilke, Karl Valentin, Mae West, Eric Burdon, Clint Eastwood, Katherine Hepburn, Woody Allen fündig geworden. Mein absoluter Favorit war „Gentlemen, don´t fight it in. This is the war room.“ aus Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“, doch das war Jeanette zu scharf und zu eigenartig; jetzt ist es „Go ahead – make my day“ von Clint Eastwood, alias „Dirty Harry“. Für Jeanette …

J.N.: Meine Lieblingssprüche sind die von Mae West und Katherine Hepburn. Außerdem, gibt es ein beschwingteres Gedicht als das von Rilke?

Rundfunk: parol accessoires

J.N.: parol versteht man überall auf der Welt, eine Marke, die sich einprägen kann ….

Freund: …im Amerikanischen heißt „parole“ bedingte Haftentlassung …

J.N.: Egal, man wird es auch dort verstehen. Und Accessoires heißt, daß im Laufe der Zeit auch andere Produkte entwickelt werden. Sie sehen auf die Uhr, darf ich mich noch bei wichtigen Kooperationspartnern bedanken?

Rundfunk: Selbstverständlich.

J.N.: Zuerst, möchte ich mich bei meiner großartigen Mentorin Angelica Blechschmidt, der früheren und langjährigen Chefredakteurin der VOGUE Deutschland, die sich vor einem Jahr in Potsdam niedergelassen hat, bedanken. Mit ihr zusammen konnte ich die Farbkompositionen erarbeiten und verfeinern. Dann natürlich bei meinem uralten Freund und Grafiker Jan Hülpüsch, mit dem ich das Design erarbeiten konnte. Er hat Typographie im Blut. Nicht zuletzt bei Herrn Rossner und seinen Strickprofis von Strickchic in Apolda, die mir geduldig alles zeigten, was ich vom Stricken wissen muß und hervorragende Produkte in ausgezeichneter Qualität produzieren. (zum Freund) Willst Du auch ein Dankeschön?

Freund: Nein, und schon gar nicht öffentlich.

Rundfunk: Jeanette, Herr XY, wir danken Ihnen für das Gespräch.